Tagung Prägnantes Erzählen PD Dr. Friedrich Michael Dimpel

PD Dr. Friedrich Michael Dimpel

Tagung „Prägnantes Erzählen“ (4.-6.10.2018)

Tagungshinweis: Tagung Prägnantes Erzählen. Tagung zur Kleinepik in Mittelalter und früher Neuzeit im Georg-Christoph-Lichtenberg-Haus in Darmstadt.

Wissenschaftliche Zielsetzung / Call for Papers als PDF; Tagungsprogramm

Gefördert von der Fritz-Thyssen-Stiftung

Im Rahmen der Tagung ‚Prägnantes Erzählen‘ sollte die Gesellschaft ‚Brevitas‘ gegründet werden:

Brevitas – Gesellschaft für Kleinepik des Mittelalters

Im 20. Jahrhundert stand die mittelalterliche Kleinepik lange Zeit im Schatten der großen, ‚klassischen‘ Forschungsbereiche der älteren deutschen Literaturwissenschaft wie Großepik und Minne­sang. Bereits seit einiger Zeit zeichnen sich hier gravierende Veränderungen ab: Nicht nur entstanden und entstehen signifikant mehr Qualifikationsarbeiten zur Kleinepik, sondern die Forschung nimmt die kurzen und prägnanten Texte des Mittelalters auch auf einer brei­teren Basis und jenseits von Spezialforschung zur Kenntnis, veranstaltet Tagungen zur Klein­­epik und hat sie in der universitären Lehre fest etabliert. Kleinepik darf damit im 21. Jahr­hundert als bestens etabliertes Forschungsfeld gelten.

Nichtsdestoweniger wirkt die problematische Forschungsgeschichte außerhalb der mitt­ler­weile vielfältigen Spezialforschung immer noch nach: Das Korpus regelmäßig beforsch­ter Kleinepik ist vergleichsweise schmal, so dass mitunter große blinde Flecken existieren; die Gattungsdiskussion des 20. Jahrhunderts wirkt in der künstlichen Trennung von Text­grup­pen nach, die in Überlieferung, Inhalt und Form eng miteinander verbunden sind; und mitunter scheint sich immer noch ein impliziter Unterkomplexitätsverdacht aus der For­schungs­geschichte zu speisen, der Textlänge als tendenziell analog zu einer zugemuteten Text­komplexität versteht. Die aktuelle Forschung hat aber an unterschiedlichen Text­grup­pen erwiesen, dass die vormoderne Kleinepik regelmäßig hochkomplex strukturiert ist, kei­nes­­wegs als literaturgeschichtlich randständig anzusehen ist und einen hoch­interessanten For­schungsgegenstand bietet, den es über weite Strecken noch interpretativ zu erschlie­ßen gilt.

Um dem aktuellen Forschungstrend zur Kleinepik Nachhaltigkeit zu verleihen und den blei­ben­den Problemen wirkmächtig zu begegnen, erscheint die Gründung einer wissen­schaft­li­chen Gesellschaft als opportun. Der Begriff Kleinepik ist freilich problematisch, da in ihm viele fragwürdige Differenzierungen mitschwingen, die sich auf bereits überholte Forschungspositionen stützen. Es ist nicht zuletzt die Aufgabe einer wissenschaftlichen Gesellschaft, diese überkommenen Bestimmungen kritisch zu hinterfragen, aufzubrechen und den Begriff der Kleinepik gegenstandsgerechter zu bestimmen. Entsprechend verwenden wir den Begriff Kleinepik heuristisch und in einem weiten Sinne als Dachbezeichnung vormoderner Texte, die sich durch Kürze, einem prägnanten Erzähl- oder auch Rededuktus und der Möglichkeit einer Gesamtrezeption am Stück (etwa einer einzelnen Aufführung, eines einzelnen Leseaktes) auszeichnen. Viele dieser Texte sind inhaltlich im Spannungsfeld zwischen schimpf und ernst angesiedelt. Kleinepik subsumiert in einem weiten Verständnis entsprechend divergente Textgruppen wie Mären, Bispeln, Schwänke, Wundererzählungen, Legenden, aber auch Minnereden, Rätsel, Streitgespräch, Sprichwörter etc. Die Gesellschaft will Kleinepik in ihrem historischen Überlieferungskontext in den Blick nehmen, so dass künstliche Grenzziehungen gattungstheoretischer, literaturhistorischer und inhaltlicher Art (etwa geistlich/weltlich, mittelalterlich/frühneuzeitlich, narrativ/diskursiv) überwunden werden können. Dieses weite Begriffsverständnis v.a. des Terminus ‚Epik‘ soll nicht zuletzt auch die Anschlussfähigkeit der Gesellschaft gegenüber der Forschung zu neuerer und älterer Literatur gewährleisten.

Aufbauend auf ein solches Begriffsverständnis kann – analog zu den bestehenden Gesellschaften zur Großepik wie Wolfram- und Artusgesellschaft – eine kontinuierliche Forschungsarbeit zur Kleinepik etabliert werden, die sich vornehmlich auf folgende Punkte stützt:

Vernetzung: Eine Forschungsgesellschaft kann die derzeit vorliegenden oder lau­fen­den größeren Projekte zur Kleinepik mit engagierten einzelnen Forschern ver­netzen und damit auch Desiderate erst kenntlich machen, neue interpretatorische Ver­knüpfungen innerhalb der Kleinepik jenseits vermeintlicher Gattungsgrenzen anregen und verstreutes Potenzial bündeln.

Impulsgebung: Die gewonnenen Einsichten in Desiderate und Möglichkeiten der Erforschung der Kleinepik können durch eine Gesellschaft gezielt in Forschung um­ge­setzt werden, etwa durch die Veranstaltung von Tagungen, dem Anregen und Unter­stützen von Forschergruppen, der Organisation von Sektionen auf Groß­sym­po­sien etc.

Distribuierung: Auf Basis von Mitgliederbeiträge soll eine virtuelle Informa­tions­platt­form eingerichtet werden, die laufend vervollständigt und aktualisiert wird: Eine wachsende Liste von Primärtexten der Kleinepik, damit verlinkte Einzel­biblio­gra­phien, Hinweise zu aktuellen Arbeiten, Veröffentlichungen, Tagungen zur Klein­epik etc.

Organisierung: Die Kleinepik besitzt noch kein zentrales Publikationsorgan. Anzu­stre­ben wäre ein online-Periodikum (peer reviewed); der Kontext der Fach­gesell­schaft könnte hier Kontinuität und Kompetenz sichern. Ziel eines solchen Organs wä­re die Zusammenführung unterschiedlicher Spezialforschung zur Kleinepik, die kriti­sche Besprechung möglichst aller Neuerscheinungen zum Thema, kurz: die Über­führung des gegenwärtigen Forschungstrends zur Kleinepik in eine ver­läss­li­che Regelmäßigkeit.

Patrizia Barton (Tübingen), Friedrich Michael Dimpel (Erlangen / Darmstadt),

Lydia Merten (Köln), Mareike von Müller (Göttingen), Nina Nowakowski (Zürich),

Silvan Wagner (Bayreuth)